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    November 25

    Unspeziell

    Die Woche ging erstaunlich schnell rum.

    Es gibt grade nichts nennenswert Neues, also nichts Besonders, bis auf dass Alexander schon nächste Woche Freitag abfährt und ich dann zwei Wochen wirklich allein hier bin.
    Meine Eltern haben mir die Möglichkeit auch offengelassen, früher abzufahren, aber ich finde es irgendwie unnötig, das Ganze früher abzubrechen als geplant, außerdem bin ich, erstens, auf diese drei Wochen so oder so noch eingestellt, zweitens freut sich meine Gastfamilie schon seit ich da bin, dass ausgerechnet mein letztes Wochenende hier, ein Wochenende ist, an dem in Lyon ein besonders Fest stattfindet, was jährlich Millionen Touristen anlockt: "Fête des Lumières". Andergesagt, freut sich meine Gastfamilie schon seit ich in Frankreich bin, dass ich an diesem Wochenende noch da bin, um dieses Spektakel zu erleben.
    Ich beneide Alex nur, weil er euch alle schon wiedersieht, weil er in Deutschland ist, wenn die Franzosen da sind, und weil er schon nachlernen kann...

    Nachlernen ist zweischneidig zu betrachten. Ich mach soviel wie ich kann, aber ich weiß, dass die meiste Arbeit trotzdem auf mich zukommt, wenn ich zu Hause bin, also in den Winterferien. *seufz*

    Ich überlege grade, was ich von der Schulwoche berichten könnte, aber mir fällt nichts Rechtes ein, denn ich habe mich im wahrsten Sinne eingelebt, soll heißen, ich komme mit den langen Schultagen gut zurecht, mich stören die Etudes nicht mehr, ich versuche im Gegenteil das Beste draus zu machen.
    Weiterhin nervig finde ich weiterhin, dass man hier nichts lernt, außer Französisch und Englisch an sich. Aber in den Naturwissenschaften Mathe, Physique und Biologie - nur Stoff unserer Mittelstufe, das einzige was ich daraus wirklich lerne ist: Französisch...
    Nur Geschichte und Erdkunde könnte man was lernen, aber der Lehrer ist furchtbar, da habe ich absolut keine Lust zu. und Erkunde müssen wir "Karten zeichnen". Heißt wir kriegen eine blanke Karte eines Landes, den reinen Umriss also, ein Thema und müssen die KArte selbst gestalten, beschrifen, sortieren, und eine Legende entwickeln... Das heißt man muss nicht nur Städte, Flüsse, Gebirge lernen, + deren exakte Position, sondern je nachdem welches Thema man erwischt eigentlich auch Bevölkerungsdichte, Rohstoffvorkommen, Entwicklung, Organisation... Total bekloppt. und zudem alles absolut präzise.
    Weil man den Maßstab angeben können muss, muss man verschiedene Distanzen des Landes auswendig wissen, um den Maßstab ausrechnen zu können.
    Weiß nicht ob ich es unbedingt sinnvoll finden soll, für Deutschland brauche ich es in der Form nicht, Städte und so zu wissen, finde ich nicht unerheblich, aber für was denn Bevölkerungsdensitäten nach Gebieten auswendig lernen?
    Außerdem fehlt mir eine Methode für diese Anforderungen zu lernen und da mir nur noch drei Wochen bleiben, habe ich auch keine Lust mir eine anzueignen.

    Alex und mein freier Mittwochnachmittag hat es aberwitziges. Wir gehen direkt nach dem Mittagessen in die Stadt, kaufen Notwendiges und Kleinskram, essen einen Crêpes, kaufen die FAZ und den Spiegel und setzen uns in ein Café in der Innenstadt, mit einem absolut einmaligen Ambiente, und lesen Kaffee trinkend zwei bis drei Stunden Zeitung, unterbrochen nur von unregelmäßigen Vorlesens irgendeines Artikel, der einen sportan verwunderte...

    Muss mir jetzt Überlegen, was ich meine letzten zwei Mittwoche hier mache, wenn Alex nicht mehr da ist...

    Außerdem kann ich schon anfangen zu überlegen, wie ich meinen Koffer packe, weil Alex Freitag einen Großteil meiner Sache schon mit nach Hause nimmt - so umgehe ich die Steuern am Flughafen für Übergepäck...

    Insgesamt gehts mir also ganz gut, ich versuche weniger an zu Hause zu denken, mich jetzt erst nochmal auf hier zu konzentrieren, weil so die Zeit auch schneller rumgeht. An zu Hause denken bringt was, wenn in meinem Kalender steht, dass ich nur noch fünf Tage vor mir habe...

    Auf eure Emails (Danke!) antworte ich morgen erst, ich fahre gleich mit meinen Gastvaster nach Villefranche, um ein Weingut zu besuchen, weil hier zurzeit Fest des neues Weins ist.
    Bis Bald

    November 19

    Verwunderung

    Zum Glück wundert mich ja nichts mehr.

    Gestern Abend war ich mit meiner Familie noch im "Kino". Wobei "Kino" hier erstens sowieso differenziert betrachtet werden muss (allein die Eintrittskarten: weißes, butterbrotpapierdünnes Papier - Stempel drauf mit Nummer fertig...) wir zweitens gestern keinen Film gesehen haben, sondern eine Filmvorführung. Soll heißen, uralte Filme, wahrscheinlich sogar wirklich auf Rolle, schwarz-weiß ohne Ton, mit eingeblendeten, schriftlichen Erklärung bzw. wörtlicher Rede und das Ganze musikalisch live von Klavier und Flöte unterlegt.
    Ich muss sagen, so absurd es war, ich habe es genossen. Ich wollte schon immer mal so alte Filme, rein aus Interesse an der Art des Humors sehen.
    Der ganze Abend hat mich erheitert, weil ich dieses ganze Ambiente sehr seltsam wahrgenommen habe. Man geht ins Kino, kriegt eine eigenartige Kinokarte, und wird dann erst mal mit Baguette und Käse, sowie Saft und Wasser begrüßt, bevor man "ins Kino geht". Und das Kino selbst, mit seinen uralten Sitzen, die sich in die umgekehrte Richtung anheben, soll heißen, die vorderen Reihen, sind höher, als die hinteren, die Sitze also ein bisschen gekippt, und dann die Rede vor der Filmvorführung und gleichzeitig die Bitte, dass doch bitte sechs Männer am Schluss dableiben, um das Klavier anschließend von da nach da zu karren.
    Die Französische Mentalität ist einfach viel offener, weniger anonym, weniger verklemmt, was sowas betrifft. Stellt euch mal vor, in Deutschland würde die "Gäste" gebeten werden, irgendwas zu arbeiten...
    Gestern fand ich das wundersam.

    Und heute nur so Erlebnisse.
    Zuallerst mal, muss ich ganz einfach sagen, dass wir abgeschoben wurden. Wir Kinder. Meine Gasteltern hatten eine Versammlung mit den Kirchen-ich-weiß-nicht-was und diese Réunion dauerte den ganzen Tag, weswegen wir zu der Schwester meiner Gastmutter gebracht wurden "damit wir nicht den ganzen Tag allein zu Hause rumhängen". Was habe ich bei meiner Gasttante gemacht - rumgehangen (rumgehongen? rumgehungen? *verwirrt*). Mir dir Zeit mit lesen vertrieben: weil es geregnet hat, mein Gastbruder gelernt, meine Gastschwester mit Puppen gespielt hat (und wenn ich mit eins noch nie etwas anfangen konnte, dann sind es "Puppen" - habe ich einfach noch nie einen Sinn für gehabt).
    Ja, wären wir hier gewesen, hätte ich Klavier spielen können, bequem im Bettliegend lesen, meinetwegen auch lernen, aber auf jeden Fall etwas anderes als sinnlos rumgeh*ngen.

    Außerdem war diese Person einfach zu "bizarre", nicht im deutschen Sinn bizarr, sondern bisar halt. Okay, ich suche ein deutsches Wort, ähm, lassen wir es bei "eigen". so wie natürlich alles in Frankreich.
    Aber mich wundert ja nichts mehr, auch nicht, dass eine alleinlebende Frau, mittleren Alters, einen fanatischen Katzentick hat, drei Katzen hat, und überall, und zwar wirklich überall wo man hinguckt im Haus, Katzenfiguren rumstehen. Sowas habe ich noch nie gesehen. Auf dem Kamin, auf der Fensterbank, im Regal, im Schrank, auf dem Tisch, im Blumentopf, dann Bilder, Teppiche, Postkarten, Tischdecken - alles mit Katzenmotiven.
    Mich wunderte es nicht, dass jemand sein Gäste-WC unter der Treppe hat, und dass jemand in einem riesigen Korb im Gäste-WC unter der Treppe, Klopapierrollen aufbewahrt, und dass gegenüber von der eigentlichen Toilette ein bodentiefer Spiegel ist...
    Mich wunderte es letztenlich auch nicht, auf der Gästetoilette einen "selbstbefeuchtenden-Adressstempel-in-verschiedenen-Farben" zu finden.
    Und zu allem Überdruss, hieß die Madame "Claudille", Spitzname, "Clau", sprich "Klo".

    Amen.
    A propos, die Messe heute übrigens war magnifikant.
    es wäre schließlich verwunderlich gewesen, wenn wir nicht in der Kirche gewesen wären.


    Bis Bald. Auf eure Emails, kann ich erst nächste Woche antworten! Vielen Dank dafür. Sie haben maßgeblich zu meiner guten Laune in den letzten 24h beigetragen!
    November 18

    Bodenlos

    Ich habe endlich wieder Internet. Letzte Woche hat das nicht geklappt, weil meine Gastfamilie aus unerklärlichen Gründen eine „zusätzliche“ Breitbandverbindung eingerichtet hat. Ich nenne es mal „zusätzlich“, weil ich keinen Bedarf dafür sehe… Fakt ist nämlich, dass meine Familie nicht in der Lage ist, diese Breitbandverbindung für mehrere Computer freizugeben, sodass ich mich immer nur dann mit der Benutzerkennung meiner Familie einwählen kann, wenn diese selbst grade keinen Bedarf haben…

    Vorher hatten wir einfach ein Heimnetz, WEP-verschlüsselt und das war doch wunderbar… *seufz*

    Habe grade schon ein paar Email geschrieben, ich habe zwar „nur“ noch vier Wochen von mir. (nur noch vier Wochen!) aber es ist Zeit, die auch Warteschleife heißen könnte.

    Es ist eine beschränkte Zeit, die bald zu Ende sein wird, deren Ende absehbar ist, deren Ende ein festes Datum hat, auf dass man „hinarbeitet“ und die Zeit bis dahin wird halt „abgesessen“. Ich habe in zwei, drei Mails schon definiert, dass meine Gemütslage hier auf einem Gefühl von „Bodenlosigkeit“ beruht. Begleitet von Rastlosigkeit. Dabei geht es mir eigentlich gut. Ich kann es mir, den Umständen entsprechend, eigentlich nicht besser vorstellen. Das ist ein Widerspruch in sich, fällt mir grade auf. Was soll’s. Fakt ist, dass meine Familie, so eigen sie auch ist, liebreizend ist, und alles versucht um mir meinen Aufenthalt so schön wie möglich zu machen. Ich bin hier so herzlich aufgenommen, so selbstverständlich…

    Trotzdem ist es eine Zeit des „Zeitüberbrückens“, Zeittotschlagen ist mir zu negativ. Ich weiß, dass mir der Abschied von meiner Gastfamilie schwer fallen wird. Für euch vielleicht unverständlich, aber ich verstehe, dass ich für die Zeit die ich dann hier war, akzeptiert habe, dass diese Familie mein „zu Hause“ ist, etwas wo man sich wie „zu Hause“ fühlen kann. Wo man lacht, isst, schläft, sich zurückzieht, Erfahrungen gemacht, Dinge erlebt…

    Andererseits halte ich meine Stimmung dadurch aufrecht, dass ich mir in aller Deutlichkeit die Tage vorstelle, wenn alles vorbei geht. Manchmal freue ich mich auf den Moment, wenn ich hier meine Koffer ein letztes Mal packe (und endlich weiß, dass das halbe-Jahr-aus-dem-Koffer-leben vorbei ist!!!). Manchmal freue ich mich schon nur auf den letzten Schultag hier, wenn ich das letzte Mal in diesem elenden Gefängnis gesessen habe, manchmal freue ich mich auf den Augenblick, wenn ich in den Flieger steigen werden, manchmal auf den, meine Familie in den Arm zu nehmen.

    Manchmal stelle ich mir den Tag vor, wenn ich euch wieder sehe. Wenn ich durchs Schultor gehe und sagen kann, hier „bleibe“ ich. Und mit „Bleiben“ meine ich das Gefühl, wieder Boden unter den Füßen zu haben.

    Außerdem kriege ich aus Deutschland zurzeit nicht wirklich gute Neuigkeiten.

    Eigentlich hatte ich letzte Woche vorgehabt, zu schreiben, wie ich die zwei Wochen erlebt habe, die ich in Deutschland zur Schule gegangen bin, aber das ist grade seltsamerweise schon wieder so weit weg. Das Gefühl der Bodenlosigkeit hatte ich da ja auch schon.

    Zudem war die Zeit in Deutschland viel zu kurz. Ich konnte gar nicht alles machen, was ich gerne gemacht hätte. Am schlimmsten war aber, dass ich mich nicht mit allen beschäftigen konnte, dass ich nicht dazu kam, mit allen zu reden, mit denen ich gerne geredet hätte.

    Ach, nebenbei, ich wollte nach meinem letzten Eintrag wirklich Bilder hochladen, aber das hat sich nicht einrichten lassen, weil meine Internetverbindung an dem Tag zu schwach war um die, zwar bereits komprimierten, aber trotzdem hohen, Datenmengen hochzuladen. Vielleicht mache ich das heute Nacht, wenn sonst keiner des Breitbandes bedarf… *seufz*

    Ich vermisse euch, bis bald…